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Arm ist, wer ausgeschlossen ist

Die letzte Erhebung zum Thema "Armut im Kreis Düren" hat es 1998 gegeben. In Jülich selbst existiert keine solche Statistik. Dennoch gibt es sie, die so genannten "Armen" auch in unserer Stadt. Ein Verein, der sich mit diesem Thema und vor allem auch Kinderarmut beschäftigt, sind die "Kleinen Hände". Der ausschließlich ehrenamtliche weibliche Vorstand arbeitet an der "Basis". Das Plus der gemeinnützigen Organisation: Sie ist unabhängig von öffentlichen Institutionen und darum Niemandem Rechenschaft schuldig. Weil die Frauen Anonymität versprechen, haben sie das unbedingte Vertrauen der Ratsuchenden. Über die Entwicklung der Armut in Jülich und den Erfahrungen aus der Praxis schildert Marlene Samans, Vorstandsmitglied der "Kleinen Händen" bis 2006.

Wann ist ein Kind oder eine Familie "arm"?

Marlene Samans: Unter "arm" verstehen wir, wenn eine Situation eingetreten ist, in der nur noch die täglichen Bedürfnisse zu bezahlen sind, etwa Nahrung und Miete. Es ist nicht der Hunger, der arm macht, es ist das ausgeschlossen sein, nicht mehr mitspielen zu können im wahrsten Sinne. Oft sind es einfache Dinge, wie die Teilnahme an einem Schulausflug oder - ganz aktuell - die Busfahrt zum Freibad nach Elsdorf nicht bezahlen zu können, an der sich Armut zeigt. Auch das ist ein Teil der Arbeit der "Kleinen Hände": Durch die Finanzierung dieser "einfachen Dinge" die Kinder teilhaben zu lassen am gesellschaftlichen Leben. Denn das Ausgeschlossen sein treibt diese Kinder zum Teil auf die Straße. In einem Gespräch mit dem Jülicher Streetworker erfuhr ich vor etwa drei Jahren von Straßenkindern in Jülich. Diesen Kindern haben die "kleinen Hände" größtenteils die Ausstattung und einen Teil des Ausflug in eine Sportschule finanziert. Aber sie sind schon lange nicht mehr an uns herangetreten?

Unicef hat ermittelt, dass sich in Deutschland die Armut seit den 90er Jahren verdoppelt hat. Sind die Trends auch in Jülich spürbar, und wie?

In den 90er Jahren waren es noch überwiegend sozial Schwache, die unsere Hilfe gesucht haben. In dieser Zeit ging es noch darum, Babynahrung oder Kleidung zu verteilen. Das ist auch heute noch so, wir unterhalten ja beispielsweise die Kleiderkammer im Kulturbahnhof, die jeden 1. und 3. Freitag im Monat vormittags geöffnet hat und stark frequentiert wird. Aber es sind durch die wachsende Arbeitslosigkeit auch andere Ratsuchende hinzugekommen - und durch Trennungen. Viele Alleinerziehende wenden sich an uns, die durch mangelnde Betreuung ihrer Kinder keiner Arbeit nachgehen können. Das betrifft Schichten, die früher nicht dazu gehörten, auch Akademiker etwa, die keine Stelle finden. Früher wurde vieles über die Familien, das soziale Netz, abgefangen. Großeltern betreuten die Enkel? Heute ist es so, dass, wenn Großeltern am Ort wohnen, sie noch arbeiten und oft auch arbeiten müssen.

Seit Januar greift Harzt IV - spüren die "Kleinen Hände" Auswirkungen?

Dazu ist es noch zu früh. Im April habe ich als Vertreter freier Träger an einer Sitzung der Jugendhilfeausschüsse der Stadt und des Kreises Düren zu den Konsequenzen von Hartz IV auf die Jugendhilfe teilgenommen und habe danach eine Nacht lang nicht schlafen können. Wenn zum Beispiel ein Kind aus dem Haushalt auszieht kann es passieren, dass die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen muss. Kindergeld wird jetzt mit angerechnet bei der so genannten Bedarfsgemeinschaft, also der Familie. Man nimmt auf nichts mehr Rücksicht, was diesen Familien ein bisschen Würde gibt. Spürbar auf unsere Arbeit bei den "Kleinen Händen" hat es noch keinen Einfluss gehabt. Es ist nicht wesentlich mehr Zulauf als sonst. Etwa 80 Kinder betreuen wir im Jahr, da sind Familien oder Alleinerziehende noch nicht eingerechnet. Wir merken meist erst am Jahresende, wie "arm" die Menschen sind.

Bis jetzt haben die "Kleinen Hände" auch Hortplätze und deren Ferienfreizeiten unterstützt, was wird, wenn die Umstellung zur Offenen Ganztagsgrundschule kommt?

Wir haben schon jetzt verstärkt Nachfragen von Eltern mit Kinder. Sie können die rund 3 Euro Mittagstisch nicht bezahlen. Aufs Jahr gerechnet sind das immerhin 600 Euro. Die Schulen bemühen sich nach Kräften, aber es kann nicht sein, das jetzt alles über das Ehrenamt läuft. Es ist so wenig professionell in Deutschland, wenn ich es im Vergleich zu Frankreich sehe. Es gib ja viele Frauen, die arbeiten müssen, die Notwendigkeit zur Betreuung ist also gegeben.

Wie groß schätzen Sie das Problem "Armut" in Jülich ein?

Inzwischen sind die "Kleinen Hände" eine etablierte Anlaufstelle für Familien, die von Armut betroffen sind. Es gibt meiner Meinung nach eine hohe Dunkelziffer. Das Problem ist, die meisten, die es betrifft, melden sich nirgendwo. Sie schämen sich. Es wird lieber ein großer Spagat gemacht, als sich an uns zu wenden. In vielen Fällen sind es inzwischen Vermittler, die Ratsuchende an uns verweisen. Dazu gehören auch das Jugendamt und das Sozialamt, die offener geworden sind im Umgang mit uns. Wir merken auch hier, dass das Geld knapper geworden ist.

Kontaktaufnahme zu den Kleinen Händen ist zu den Öffnungszeiten der Geschäftsstelle am 1. Und 3. Freitag im Montag im Kulturbahnhof, Bahnhofstraße 13 möglich, per email oder telefonisch unter (02461) 626514 oder bei der 1. Vorsitzenden Helga Klostermann, Tel. (02461) 51761, Rose-Marie Kommnick und Beate Jülicher Tel. (02461) 341071.


Wo steht Jülich in der Statistik?

Deutschland nimmt weltweit Platz 12 bei der Kinderarmut ein. Seit den 90er Jahren ist sie stärker gestiegen als in den meisten anderen Industrienationen, um mehr als verdoppelt hat sich die Zahl. 6,7 Prozent aller Kinder leben bundesweit von oder mit Sozialhilfe, bei den unter Dreijährigen liegt die Zahl sogar bei 10,4 Prozent. Die Zahlen entstammen einer neuen Studie zur Kinderarmut, die von Unicef herausgegeben wurde.

Die letzte Erhebung im Kreis Düren liegt acht Jahre zurück. Für Jülich hat es nie eine solche Statistik gegeben. Zurückgreifen kann man lediglich auf die Diplomarbeit von Volker Rudolphi, der sich ss auf die 98er Kreiserhebung stützt. Ein Herzensthema nennt die Amtsleiterin der Stabsstelle für Gleichstellung und Sozialplanung, Katarina Esser, daher eine Erhebung zum Thema Kinderarmut in Jülich. Aus dem Sozialamt war zu erfahren, dass es auch künftig keine solchen Erhebungen geben wird, weil "es die Software nicht hergibt".

Auch die Zahl derer, die von der Sozialhilfe in die Hartz IV-Regelung - wie der Volksmund es nennt, richtig heißt es Leistungen nach dem Sozial-Gesetz-Buch II - gerutscht sind oder in das Arbeitslosengeld II beziehungsweise Sozialgeld, ist nicht nachzuvollziehen. Hierzu fehlen einfach die Kapazitäten. Eins ist jedoch festgehalten: Mit dem Stichtag Ende Mai sind 900 laufende Zahlfälle registriert "und die Zahl steigt täglich", wie Sachbearbeiterin Krähling unterstreicht. Anfang Juli kommen alleine rund 200 Fälle aus der Agentur für Arbeit hinzu.

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